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Fragen des Überlebens, Nira Pereg
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Im Jahr 2006 betrachtete Kindermann erneut einen Teil seiner heimatlichen Landschaft? die Alpen in Süddeutschland. Dieser Blick enthielt eine einzigartige Mischung aus Trennung und Entdeckung, indem er sich dafür entschied, eine? für diese Region typische ? einfache Hütte neu zu betrachten. Was er uns dann aber tatsächlich zeigte, war er selbst beim Betrachten der Hütte. Er begutachtete sie von allen Seiten, als sei es ein Meteorit, der gerade aus den Weiten des Weltalls zu uns herabgestürzt wäre. Er ging um sie herum, bewegte sich dabei langsam und systematisch, alle vier Seiten aufmerksam musternd. Sein Blick war nicht sentimental, doch man erkennt, dass es ihn berührte. Seine Schritte forderten den Betrachter auf, ihm zu folgen, und erweiterten so den Blick um eine neue Ebene, auf der die Bewegungen des Betrachters mit denen des Künstlers verschmolzen.

Von allen vier Seiten gefilmt, wird sie auf einen offenen Würfel projiziert, als ob die echte Hütte durch den Blick des Künstlers auferstünde, während er sie selbst wie ein Geist durchwandelt. Woodshed war das erste einer Reihe nachdenklicher, existenzieller Werke von Kindermann, mit denen er sowohl sich selbst als „Künstler” als auch den Akt des künstlerischen Schaffens hinterfragte.

Kindermann wahrt eine halbwissenschaftliche Position; er trotzt den Gesetzen der Schwerkraft, indem er ein Zelt auf dem Grund eines vollen Swimmingpools errichtet. Wie in Woodshed ist die Szene leer und still, bis er die Bühne durch sein Betreten aktiviert. Er verwandelt das Wasser in Luft und den domestizirten Pool in die freie Wildbahn. Es dauert 13 Minuten, bis er das Zelt aufgestellt hat. Dabei taucht er immer wieder auf, um Luft zu holen, und schließt sich am Ende darin ein. In diesen letzten Minuten verwandelt sich die Herausforderung in einen düsteren Akt der Selbstvernichtung.

In 172 cm stirbt Kindermann einen weiteren kleinen Tod. Er betritt eine weiße, stürmische, verschneite Landschaft und gräbt ein Loch von der Tiefe seiner eigenen Körpergröße. Nach 20 Minuten ist sein vertikales Grab fertig. Es verbirgt ihn vollständig und lässt uns wieder mit einem leeren weißen Blatt zurück.

Dieses Szenario kehrt in Raised blind wieder. Eine Konstruktion aus Neonröhren, die die Ziffern neun bis null darstellt, ist auf parasitäre Weise an einem Jägerhochsitz befestigt. Dieses Mal wird die leere Bühne durch einen eleganten, aber zerstörerischen Countdown von 9 bis 0 aktiviert, wodurch sich uns die wahre Natur einer ansonsten friedlichen Landschaft offenbart. Es dauert drei Minuten, bis die 0 erscheint. Anschließend verschwindet alles innerhalb weniger Sekunden. Wie in früheren Werken wird der Höhepunkt erreicht und vergeht ohne wirkliche Konsequenzen.

In seinem neuesten Werk, Fragments of the Universe, ist Kindermann abwesend. An seiner Stelle sieht man drei Meteoriten, die sich vor einer fest montierten Kamera drehen. Bei der Besprechung seines Werkes weist er voller Bewunderung auf die Meteoriten und nennt sie „perfekte Skulpturen”. Kindermann verwendet Video um die Meteoriten in einem konstant fallenden, schwebenden Zustand zu animieren. Wir sehen und bewundern sie ebenfalls. Doch in Wirklichkeit stecken die Meteoriten für immer fest ? sie sind auf ihrem Weg zur Erde, um dort zu landen, doch sie kommen nie an...

Kindermann fürchtet sich nicht vor fruchtlosem Bemühen. Es kann zwar erheblichen emotionalen Aufwand kosten, das eigene Grab zu schaufeln, doch Kindermann übernimmt diese Aufgabe fast teilnahmslos, so wie man sich eben einer Arbeit widmet, die getan werden muss. Seine tiefe Verpflichtung wird erhöht durch sein Verlangen, uns den ganzen Akt in Echtzeit vorzuführen. Das erzählerische Motiv des Countdowns begegnet uns in vielen seiner Werke, während wir zuschauen und darauf warten, dass er die, sich vorgenommene Arbeit, zu Ende bringt. Wenn dann irgendwann die Null erscheint, verwandelt sich die anfängliche Einstellung allmählich in eine fragile Komposition. Der Akt des Durchdringens des Bildes wird durch sein eigenes Verschwinden nahezu symmetrisch ausbalanciert (oder bestraft). Sein Werk nimmt oft ein dialektisches Format an und präsentiert die Option, dass das letztendliche Ziel niemals den Höhepunkt erreicht, sondern stattdessen verborgen, vergraben, verschlossen und dann wieder zum Leben erweckt und noch einmal von vorn durchgespielt wird.