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Gedanken über das Sein zu Fragments of the Universe, Ingibjörg Sigurjónsdóttir
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Ein geheimnisvoller Hauch umweht Meteoriten – zumindest für den astronomischen Laien. Aufblitzende Fragmente aus den Weiten des Alls, dem großen Unbekannten. Brennender Stein, der den Raum durcheilt und irgendwann auf einen Planeten stürzt. Seit Menschengedenken werden Meteoriten bestaunt, gefürchtet und geschätzt. Manche von ihnen wurden mit goldenen Ornamenten verziert und in Wunderkammerinstallationen dem Auge des staunenden Betrachters präsentiert. Mit anderen verfuhr man anders, wie mit jenem Meteoriten, den man im 19. Jahrhundert herabkommen sah. Man sah in ihm ein Zeichen direkt aus der Hölle. Darum wurde er in Ketten gelegt und in einer Kirche ausgestellt. Was für ein verrücktes Kunstwerk das gewesen sein muss! Und dennoch sehen die kleinen Gesteinsbrocken so mondän, so real, so normal aus ? geradezu langweilig! Doch ihre wenig aufregende Form wird durch ihre beeindruckende Reise durch das All und unsere Atmosphäre wettgemacht. Wir werden an die Tatsache erinnert, dass wir auf einem kleinen Planeten inmitten eines unbegreiflich riesigen, dunklen Universums leben, wo Planeten, Kometen, schwarze Löcher und weiß Gott was noch existiert, rotiert, explodiert und vorbeisaust. Diese Steine sind Denkmäler unserer eigenen gelegentlichen Begegnung mit dem Universum, eine Reminiszenz an die unergründlichen Tiefen des Alls. Welch ein ultimatives, bildhauerisches Material ... Die Überbleibsel eines glühenden Blitzes, der mitten aus dem Nichts kommt und Qualitäten aus einer anderen Welt offenbart. Was kann sich ein Künstler, der sich danach sehnt, Verbindungen zum Kosmischen zu knüpfen und sich Zeit und Raum nahe zu fühlen, Schöneres wünschen als einen 50.000 Jahre alten Meteoriten, der auf seiner Handfläche landet?

Im Bewusstsein der Anziehungskraft dieser spannungsgeladenen Objekte suchte sich Lukas Kindermann im Berliner Naturkundemuseum drei Meteoriten aus, die er von allen Seiten filmte. Er benutzte die Videos der kleinen Gesteinsbrocken, deren Durchmesser von 2 bis 30 cm reichten, für seine Drei-Kanal Videoinstallation fragments of the universe. Auf drei Oberflächen projiziert, wird das Abbild der schwarzen Meteoriten so vergrößert, dass sie die 2 Meter breiten Leinwände ausfüllen, auf denen sie, Planeten gleich, vor einem weißen Hintergrund rotieren. Die „gefallenen Sterne“ werden erhöht und vergrößert, so dass sie wieder im Weltall schweben, nun aber in der Dunkelheit eines Ausstellungsraums mit Publikum, das sie anstelle anderer Planeten umkreisen.
Diese Wunderkammerobjekte sind weder „memento mori”, sondern „memento infinitum”.

Das Werk ist nicht allein in der Hinsicht existenziell, dass es uns an unsere Präsenz inmitten eines schwarzen Lochs erinnert, in dem wir von explodierenden Sternen und Feuerbällen umgeben sind. Es vermag auch, den reinen Zustand des Seins ins Gedächtnis zu rufen und in Frage zu stellen. Im Allgemeinen nehmen wir manche Dinge als real wahr und andere nicht. Der ursprüngliche Meteorit würde traditionell als ein echter Meteorit wahrgenommen werden, seine Videodarstellung hingegen nicht. Die Meteoriten sind nicht wirklich im Raum; dennoch sieht man sie und fühlt ihre Gegenwart ? vielleicht noch stärker, als man es beim Anblick der echten Gesteinsbrocken vermag. Es ist ein ähnlicher Effekt wie bei Kindermanns früherem Werk woodshed, wo er eine Alpenhütte von allen vier Seiten filmte und die Videos auf vier Leinwände, zu einem Kubus angeordnet, projizierte und auf diese Weise eine dreidimensionale Darstellung der Hütte erzeugte. Man spürt die Gegenwart und Existenz der Hütte und der Meteoriten sehr intensiv, weiß aber gleichzeitig, dass sie körperlich nicht da sind. Freilich ist es keine Pfeife. Aber wenn ich dann dieses Werk betrachte, fällt es mir unwillkürlich ein, gelesen zu haben, dass es eine Frage der Definition ist, ob die kleinsten Teilchen unserer Atome feste Materie oder Wellen sind. Das heißt, technisch gesehen, bestehen ? aus dieser Perspektive betrachtet ? weder wir noch irgend etwas sonst auf dieser Welt aus fester Materie. Es wäre möglich, dass wir nur ein Wellenbündel sind – wie real ist das? Ob es unser Grundverständnis von dem, was wir als real oder unreal wahrnehmen, allgemein verändert? Existenz ist so abstrakt, und Realität so relativ! Wenn die Berührung der eigenen Hand beginnt, sich unreal anzufühlen, dann ist es auch kein Problem, einen abgekühlten, uralten Meteoriten zurück ins All zu heben und direkt vor dem eigenen Auge rotieren zu lassen. Die Leere ist um uns!