this site is currently under construction



Lukas Kindermann, 172 cmPhilippe-Alain Michaud
.......................................................................................................................

172 cm, eines der ersten Werke von Lukas Kindermann, markiert gewissermaßen seinen Eintritt in die Kunstszene. Dieser Eintritt allerdings erfolgt auf die paradoxe Art des Verschwindens: Einen weißen Sweater mit hochgezogener Kapuze tragend, erscheint der Künstler aus dem linken unteren Bildrand und durchquert diagonal ein unberührtes Schneefeld. Im Bildmittelpunkt angekommen, gräbt er ein Loch, in dem sein Körper nach und nach verschwindet. Als der Zeitpunkt erreicht ist, zu dem er nicht mehr sichtbar ist, das heißt als die Tiefe des Lochs mit seiner genauen Körpergröße übereinstimmt, verlässt er das Bild über die gleiche Diagonale, über die er eingetreten ist. Während der Performance fallen die Schneeflocken immer dichter. Der 20-minütige Film ist in Echtzeit realisiert, mit fester Kameraeinstellung und direktem Ton.
Das Schneefeld bedeckt auf isomorphe Weise das Bildfeld: Es ist diese leere und unberührte Ebene, diese jungfräuliche Fläche, aus der der Körper des Künstlers sich unmerklich herauslöst wie ein Hermelin, dessen Winterfell mimetisch weißer wird, auf der die Arbeit der Eintragung erfolgt. Die Schneefläche ist eine neutrale Oberfläche, ein Nicht-Bild, das sich allmählich in einen Hügel verwandelt: die Horizontale wird zur Vertikalen; die Zeichnung, Skulptur. Gleichzeitig, wieder anknüpfend an die reflexiven Praktiken der Post Minimal Art, die er in einem biographischen und lokalen Kontext verankert, zeigt der Künstler, in Form eines Selbstporträts, die Transformation des Prozesses des Erscheinens in einen Prozess des Verschwindens. Der Künstler verschwindet in der Schneedecke wie eine Art umgekehrter Sisyphus: Er steigt nicht den Berg hinauf, er fügt sich in ihn ein und verwandelt damit die horizontale Ebene in ein Negativ der vertikalen Fläche. Der Film nimmt folglich unmerklich eine gleichermaßen politische wie bestattungsähnliche Dimension an: Es handelt sich um ein Ritual der Ausradierung , in dem der Künstler seine Metamorphose zu einem Phantom zeigt, sein Verschwinden im Weiß einer Fläche, in der sich nichts mehr ereignet. Und dieses Verschwinden ist auch die reine Form, die Arbeit, gemäß des von Karl Marx entwickelten Schemas in seinem ersten Band des Kapitals, als Verausgabung der Arbeitskraft annimmt.
Aber hier handelt es sich um eine Verausgabung ohne Akkumulation – mit Ausnahme des Schneehaufens. Dieser zeugt einem Grabhügel gleich vom Verschwinden des Subjekts, dessen Spuren vom fallenden Schnee schließlich ausgelöscht werden, und auf phantasmagorische Weise auch von der Entstehung eines Wertes zeugt, die im merkantilen oder im ästhetischen Sinn verstanden werden kann.