this site is currently under construction



Magische Momente, Cornelia Gockel
.......................................................................................................................

Der Schuss hat getroffen. Genau ins Herz. Mit finsterer Miene nähert sich der Mexikaner seinem Opfer, einem Mann, der nun wenige Meter vor ihm regungslos am Boden liegt. Kaum größer könnte die Überraschung sein, als dieser nicht nur schwerverletzt überlebt hat, sondern quicklebendig aufspringt, seinem Gegner die Waffe aus der Hand tritt und ihn mit einem gezielten Faustschlag zu Boden schlägt. Spöttisch lächelnd zieht er ein paar Dollarmünzen mit Einschusslöchern aus seiner Brusttasche und wirft sie ihm vor die Füße: „Du kannst zum Teufel gut zielen. Genau aufs Herz. Nur eins hat mich gerettet. Diese Dinger. Die Dollars. Ich schenke sie dir, aber du wirst nichts mehr damit anfangen können.“

Es ist ein magischer Moment in dem sonst eher actionreichen Italowestern. Ein Alltagsgegenstand wird auratisch aufgeladen, da er sich als Lebensretter erwiesen hat. In der nicht Schusswaffenarmen Geschichte des Spielfilms gibt es viele solcher Szenen, wie die von dem Kreuzanhänger aus den „Drei Musketieren“, dem Geldpaket aus dem James-Bond-Film Octopussy oder der Rolling Stones LP aus Leander Haußmanns Film „Sonnenallee“.
Lukas Kindermann hat sie gesammelt und ausgewählte Sequenzen zu einem 7’45 Loop verdichtet. „Rescuer“ heißt seine Installation, zu der nicht nur das Video, sondern auch die durchschossenen Gegenstände aus den Filmen gehören. In der Ausstellung „Moving Images“, 2011, in der Aula der Akademie der Bildenden Künste München präsentierte er sie wie Beweisstücke auf einem einfachen Metallregal. Das Video lief dazu auf einem Monitor. Filmische Fiktion wurde auf diese Weise als fiktive Realität präsentiert, denn Kindermann zeigt nicht die originalen Ausstellungsstücke, sondern Kopien, die er nach dem filmischen Vorbild angefertigt hat. Dafür beschaffte er die betreffenden Gegenstände und ließ sie von einem professionellen Schützen mit einer großkalibrigen Waffe beschießen.

Die durchschossenen Objekte sind aber mehr als nur fiktive Beweisstücke aus einem Film für nahezu unglaubliche Errettungen. Durch die Magie des Augenblicks werden sie quasi religiös aufgeladen. Denn muss es nicht eine höhere Macht gewesen sein, die Schlimmeres verhindert hat? Betrachtet man Kindermanns Installation aus diesem Blickwinkel, so drängt sich der Vergleich mit dem Reliquienkult aus dem Christentum auf. Lukas Kindermann ist sich der ambivalenten Bedeutung seiner Objekte bewusst. Deshalb verzichtet er auf feste Installationsanweisungen und inszeniert „Rescuer“ lieber orts-und kontextbezogen, um so einen größeren Interpretationsspielraum offen zu lassen. Wer weiß – vielleicht landen Kindermanns Retter so mal als wundertätige Objekte in einer Vitrine.